Ängste bei Kindern – als Zeichen der Entwicklung, als Teil der Persönlichkeit und als Störung

Ängste bei Kindern
Ängste bei Kindern als Zeichen der Entwicklung

Die Angst bei Kindern hat leider einen schlechten Ruf als Energie, die einschränkt, hemmt und belastet. Dabei ist sie oft  auch eine positive Kraft und das Anzeichen einer Entwicklungsgeschichte: Ein Kind z.B., das mit 8 Monaten zu fremdeln beginnt, zeigt damit gleichzeitig an, dass es eine besonders vertrauensvolle Beziehung zu Hauptbezugspersonen aufgenommen hat. Ein 1,5-jähriges Kind, das am Treppenabsatz Halt macht, kann das, weil es Angst entwickelt hat, sich weh zu tun oder von Bezugspersonen geschimpft zu werden. Angst ist seit Urzeiten ein wichtiges Mittel, um sich eigenständig vor Gefahren zu schützen.

Ein 1,5-jähriges Kind geht bedenkenlos auf einen großen Hund zu. Ein Vierjähriger hat schon so viel Phantasie entwickelt, dass er sich vorstellen kann, welche Gefahren von einem großen Hund ausgehen können. Angstphantasien sind demnach bis zu einem gewissen Grad auch die Stärke vorauszusehen und vorzubeugen. Weiterhin steigert Angst bis zu einem Ausmaß die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, sich anzustrengen und durchzuhalten. Angst ist auch eine respektable Triebfeder, auf andere Menschen genauer zu achten und sie besser verstehen zu wollen. Kann man sich besser in andere einfühlen, werden diese als weniger fremd und verunsichernd erlebt.

Letztlich kann Angst Brücken bauen zwischen Menschen: Ein Kind, das seine Angst mitteilt und sich dabei verstanden und angenommen fühlt, erlebt ein bedeutsames Nähe-Empfinden zwischen sich und seiner Bezugsperson.

Ängste als Teile der Persönlichkeit

Unabhängig von erzieherischen Einflüssen bringen Kinder sehr unterschiedliche Bereitschaft zur Ängstlichkeit mit auf die Welt, zur Schreckhaftigkeit, Empfindsamkeit, zur Fluchtneigung, wenn es unangenehm wird, zum Zeigen und sprachlichen Ausdrücken von Angstempfindungen.

Bei Kindern mit sehr viel Phantasietätigkeit ist im Alter zwischen 4 und 6 Jahren auch mit vielen angstbesetzten Phantasien zu rechnen. Das ist die Blütezeit der Ängste vor dem Dunkel, vor Räubern, Gespenstern usw. Der Realitätssinn ist in dieser Altersspanne noch nicht so ausgebildet, dass er die galoppierende Phantasie im Zaum halten kann. Der Räuber kann auch durch das Kinderzimmerfenster im 7.Stock hereinklettern, die Ameise mich aus 2 Meter Entfernung pieken usw. Mit dieser Gläubigkeit der Kinder haben Erwachsene bisweilen ihr Vergnügen, wenn es um den Weihnachtsmann oder den Osterhasen geht. Mit etwa 7 oder 8 Jahren gewinnt der Realitätssinn allmählich die Oberhand und Kinder können endlich mit der Bemerkung von Eltern etwas anfangen: „Du brauchst doch keine Angst zu haben, das ist doch nur ein Film!“

Ob Ängste größere und anhaltende Ausmaße annehmen, hängt auch davon ab, wie sich Kinder mit Ängsten oder auch anderen Missempfindungen auseinandersetzen: ob sie sofort weglaufen, vermeiden und Zuflucht suchen oder stehenbleiben, sich vorsichtig annähern und Gegenkräfte gegen die Angst entwickeln. Ein von Natur aus weniger ängstliches Kind kann stärker von Ängsten beherrscht werden als eines mit hoher Angstneigung bei gleichzeitiger großer Bereitschaft, sich – auch gegen seine Ängste –  behaupten zu wollen.

Kind trösten

Abhängig von den Anlagen des Kindes kann das Vorbild der Eltern eine große Bedeutung für die Vertiefung oder Überwindung von Ängsten haben. Die Mutter eines Kindes mit Spinnenangst ist leider nicht das beste Modell, wenn sie cool und selbstverständlich die Spinne packt und aus dem Fenster befördert. Eine Mutter darf selbst Angst haben und ihre große Überwindung deutlich zeigen, wenn sie mit Zittern und Haben ein Glas darüber stülpt und den Inhalt aus dem Fenster kippt. Sie ist das bessere Modell mit ihren Gefühlen ganz nahe beim Kind, aber erfolgreich bei der Angstbewältigung. Eltern sollten nie sagen, es sei ja kein Wunder, dass das Kind so ängstlich sei, weil man selbst so viel Angst habe. Es kommt einzig darauf an, ob man dem Kind aktive Bewältigungsstrategien vorleben kann.

Nicht wenige Kinder werden abends beim Zubettgehen oder auch nachts im Traum oder in Wachphasen von Ängsten eingeholt. Das sind schlechte Zeitpunkte für ein gemeinsames Vorgehen gegen die Angst, zumal „Angst“ nicht selten als Einschlafverzögerer oder Druckmittel, um Eltern am Bett zu halten, eingesetzt wird. Es ist besser, diese Ängste tagsüber anzusprechen, Mut zu machen, sie in eigene Worte zu fassen und gemeinsam nach einem Gegenmittel zu suchen: denn gemeinsam sind wir stärker als die Angst, wenn wir uns erst einmal beruhigt haben und zusammenhalten.

Die Angst als Störung

Wir waren praktisch bei Möglichkeiten familieninterner  Angstbehandlung angelangt. Ein besonderes Augenmerk ist dort erforderlich, wo ein Kind mit seiner das alltägliche Leben einschränkenden Angst längere Zeit auf der Stelle tritt und vor allem dann, wenn Ängste sich ausbreiten wie Wellenringe, wenn man Steine ins stille Wasser wirft: Ein Kind hat Angst vor dem Platzen eines Luftballons, zuerst auf einem Kindergeburtstag, dann zunehmend überall, wo Luftballons sind und zum Schluss auch dort, wo Luftballons auftauchen könnten, also praktisch überall außerhalb der Wohnung. Oder: Angst vor Haarewaschen, dann Angst vor Dusche und Badewanne und schließlich vor dem Schwimmbadbesuch. Diese generalisierten Ängste müssen angegangen werden, weil sie die Lebensqualität deutlich einschränken, am effektivsten sicher mit verhaltenstherapeutischer Unterstützung. Es wird die Situation aufzusuchen sein, die noch gut auszuhalten ist, also bei der Luftballonangst beispielsweise das Hantieren mit nicht aufgeblasenen Luftballons. Das Kind soll sich aus einem gesicherten Bereich heraus gemeinsam mit Personen seines Vertrauens dem Angstobjekt annähern. Es wird dann nur zu solchen Schritten ermutigt, die das Kind bereit ist zu gehen. Wir müssen erkennen, wo die Stärken des Kindes liegen, gegen seine Angst anzugehen.

Grundsätzlich gilt: Nicht der Verstand ist der mächtigste Gegenspieler der Angst, sondern gleich starke Gefühlsenergien wie Wut/Aggressivität und Humor. Wenn ein Kind aus Angst vor Räubern sich einen Stock unter das Kopfkissen legt und sich „blutrünstig“ ausmalt, was es als König der Piraten mit dem Räuber alles anstellen wird: Dann ist das Kind dabei, mit seinem aggressiven Potenzial die Angst zu vertreiben. Wenn das Kind gern Quatsch macht, kann man es vielleicht dazu bringen, dass es den Räuber mit seinen steif gewordenen Gliedern aus dem Wandschrank herausholt, ein paar gymnastische Übungen mit ihm macht und ihn dann mit einem Stück Brot aus dem Haus schickt. Wird bei solchen Vorstellungen letztlich gemeinsam gelacht, ist man auf einem guten Weg

Fast jedes Kind trägt gegen eine starke Angst ein gleich starkes Gegenmittel in sich. Dieses Mittel zu finden und zu aktivieren ist unsere Hauptaufgabe. Solche Erfahrungen sind wertvoll für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern.

Betrachten wir also diese Ängste nicht als lästige Störer und lasst uns keine Angst vor der Angst haben!

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Rainer

Rainer ist unser Experte für psychologische Fragen. Er war vier Jahrzehnte lang Leiter einer Familienberatungsstelle. Jetzt im Ruhestand ist er am liebsten gemeinsam mit seiner Frau mit den 5 Kindern und 7 Enkelkindern zusammen, liest gern, wartet mit gärtnerischer Ungeduld auf den Frühling und zählt sich zu den eher berüchtigten Hobbyhandwerkern. Seiner Meinung nach wird das eigentliche Wohl von Kindern derzeit zu wenig gesehen.

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