Das ADHS-Syndrom bei Kindern – Ein Familientherapeut im Interview

Alles über das ADHS-Syndrom bei Kindern: Was Psychologen raten
Psychologe Rainer

Rainer ist unser Experte für psychologische Fragen. Er war vier Jahrzehnte lang Leiter einer Familienberatungsstelle. In diesem Beitrag berichtet er von Merkmalen, Ursachen und der Behandlung des ADHS-Syndroms.

Das Thema ist sehr komplex, daher haben wir den Beitrag in verschiedenen Bereiche gegliedert:

Woran erkenne ich eine ausgeprägte Hyperaktivität?

Leichtere Formen einer Hyperaktivität sind bei Kindern kaum zu unterscheiden von einem quirligen Temperament oder von einer nervösen Unruhe. Die Hyperaktivität kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein, selbst ausgewiesene Experten sind sich im Einzelfall nicht immer einig. Nicht wenige Eltern sehen ihre Kinder vorschnell bei den 2-5 Prozent Hyperaktiven. Ich konzentriere mich zunächst auf eine deutliche Störung der Aufmerksamkeit, verbunden mit einer starken Hyperaktivität, also auf das Aufmerksamkeits-Defizit-und Hyperaktivitäts-Syndrom.

Wie beschreiben Sie die Merkmale von ADHS?

„Syndrom“ bedeutet, dass bestimmte Auffälligkeiten gemeinsam auftreten, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung:

  • Permanenter Bewegungsdrang
  • Ziel- und planloser Bewegungsüberschuss
  • Auffällige Neigung zum Anfassen und Anstoßen
  • Unfähigkeit zum Abwarten und zur Zurückstellung von Bewegungsimpulsen
  • Unfähigkeit zur Verlangsamung von Bewegungen
  • Unermüdlicher Reizhunger
  • Kinder werden von allen Außenreizen gleichzeitig und gleichermaßen angezogen
  • Gefühlsmäßige Reizbarkeit
  • Unfähigkeit, sich etwas ausführlicher vorzustellen und genauer vorauszuplanen

Angesichts dieser langen Liste von Merkmalen, die einzeln bei ganz vielen Kindern vorkommen, aus meiner Erfahrung zur Beruhigung sicher ganz vieler Eltern:

Ausschlusskriterien von ADHS

ADHS lässt sich so gut wie ausschließen, wenn:

  1. Kinder im Alter von 5 Jahren beim Basteln/Bauen/Rollenspiel laut mitdenken, was sie gerade machen und vorhaben (Aufmerksamkeit, Denken und Handeln sind harmonisch aufeinander abgestimmt).
  2. Vorschulkinder ein entfernteres Ziel im Auge haben und sich auf dem Weg dahin nicht von anderen attraktiven Spielgegenständen oder sonstigen Reizen ablenken lassen (ein Bedürfnis wird zur vorsätzlichen Handlung, die mächtiger ist als alle anderen konkurrierenden Reizangebote).
  3. ein Kind ein Bild malt und alles ausblenden kann, was gerade im Raum passiert (die Hingabe an eine Sache baut einen Schutzschirm gegen viele Ablenkungsreize auf).
  4. Kinder detailliert verkünden, was sie jetzt gleich machen werden und diesen Plan auch zumindest teilweise umsetzen.

konzentriertes Spielen - Ausschlusskriterium von ADHS

Ein häufiger Irrtum: Eine häufige Fehlannahme ist, dass Kinder nicht hyperaktiv sein können, wenn sie regungslos und ausdauernd eine spannende Fernsehsendung verfolgen oder sich an einem Videospiel beteiligen können. Diese „Fähigkeit“ hat nichts mit einer Aufmerksamkeit zu tun, wie man sie auch im Schulunterricht benötigt. Auch eine Katze kann sehr lange reglos vor einem Mauseloch kauern, aber sie kann sich überhaupt nicht auf eine Sache konzentrieren, die nicht in ihrem ureigenen Interesse liegt.

Wie verläuft  ADHS in der kindlichen Entwicklung?

Erste Auffälligkeiten treten schon im Kleinkindalter auf. Die Unruhe und das ständige Schreien der Babies werden aber meistens erst später und rückblickend mit einer Hyperaktivität in Verbindung gebracht. „Später“, das ist in der Regel das Alter von 4-5 Jahren, wenn sich der Vergleich mit Gleichaltrigen in der Gruppe der Kindertagesstätte in den Vordergrund drängt. Die Schwierigkeiten spitzen sich nach meinen jahrzehntelangen Erfahrungen in der 2. und 3. Grundschulklasse besonders zu, wenn die soziale Integration, das Befolgen von schulischen Regeln und die stark konzentrationsgebundenen Leistungsaufgaben besondere Anforderungen stellen. Zur Pubertät hin können Abmilderungen auftreten, ein vollständiges Verschwinden der Störungen ist nicht zu erwarten. Nicht wenige betroffene Jugendliche wählen später einen Beruf, der sich mit den Störungen recht gut vereinbaren lässt wie Vertreter, Lastwagenfahrer, Briefträger usw.

Was sind die Ursachen von ADHS?

Als zentrale Bedingung werden mittlerweile Störungen im Stoffwechselgeschehen angenommen. Warum diese biochemischen Prozesse bei 2-5 Prozent aller Kinder (3/4 männlich, 1/4 weiblich) anders ablaufen, ist weiterhin ungeklärt. Es gibt keine Anhaltspunkte für Ernährungsfehler in der Schwangerschaft, gestiegene Schadstoffbelastung der Umwelt oder Erziehungsfehler als Verursacher von ADHS. Wir wissen, dass unser zivilisatorisches Treiben insgesamt in den letzten 60 Jahren deutlich hyperaktiver geworden ist. Man muss sich nur die Beschaulichkeit alter Filme oder Schläger vor Augen führen. Das erklärt aber nicht, warum manche Kinder in besonderer Weise unter einer solchen Entwicklung zu leiden hätten. Diese Störungen im Stoffwechsel bewirken, dass nach Meinung vieler Experten eine Reizunterversorgung besteht. Hyperaktive Kinder müssen demnach übermäßig Aktivität entfalten, um für sie wahrnehmbare Reize aufzuspüren. In der Reizverarbeitung besteht außerdem das Problem, dass keine Reizsättigung ohne weiteres eintritt. Für diese Kinder ist somit auch Austoben und Ausagieren von Spannungen kein Weg zur Beruhigung und Sammlung. Viele Experten betonen die steigernde Wirkung von unkontrolliertem Verzehr von Süßigkeiten und/oder phosphathaltigen Nahrungsmitteln. Ich habe mit Eltern gesprochen, die an gestiegener Hyperaktivität ihres Kindes abgelesen haben wollen, wie viele Süßigkeiten die Oma ihm wieder verbotenerweise zugesteckt hat.

Wie kann ADHS behandelt werden?

Durch Behandlung lässt sich ADHS nicht beseitigen, aber in den Auswirkungen begrenzen und einen für Kind und Eltern annehmbaren Umgang finden. 

Am besten wirkt wohl ein gleichzeitiger mehrfacher Ansatz:

  • Ein Medikament, wenns denn sein muss (vorzugsweise Ritalin oder ein Ersatzmittel),
  • Elternberatung
  • Arbeit mit dem Kind
  • weitgehend Verzicht auf Süßigkeiten und allgemeine phosphathaltige Lebensmittel (Liste über Phosphatliga erhältlich).

Es war immer meine Position, Ritalin nur in schwerwiegenden Fällen verschreiben zu lassen, wenn der Verbleib in der Schule z.B. in Frage stand. Dazu gehört auch ein erfahrener Kinderarzt oder Kinderpsychiater, um die Dosierung zu kontrollieren und die optimalen Einnahmepunkte festzulegen. Einige Eltern haben ihr Kind regelmäßig in der Pause aufgesucht, um ihnen die nächste Dosis zu verabreichen. Ritalin geht eigentlich erst ab Schulalter, greift aber nicht immerBei Absetzung tritt meist die Hyperaktivität wieder ungebremst auf.

Suchtrisiken sind wohl kaum vorhanden, aber Schlafstörungen und Wachstumsstörungen nicht auszuschließen. Bei den Kindern wird meistens ein Aufmerksamkeitstraining empfohlen oder auch ein verhaltenstherapeutisch orientierter einzel- oder gruppentherapeutischer Ansatz. Ich selbst habe mit hyperaktiven Kindern in kleinen Gruppen gearbeitet, wobei es nicht einfach ist, das in kleinen Gruppen Erarbeitete auf den Alltag zu übertragen.

Wie läuft die Beratung der Eltern ab?

Grundsätzliche Erziehungshaltung: Wesentlich ist, dass Eltern einen relativ weit gefassten Erziehungsrahmen entwickeln können. Man kann nicht ständig eingreifen, verbieten, tadeln und sanktionieren. Das verschleißt alle Kräfte und man muss trotzdem immer wieder inkonsequent werden, weil man nicht alle Forderungen durchsetzen kann. Außerdem wird sich beim Kind das Gefühl einstellen, dass es nicht so akzeptiert wird, wie es ist. Auch Eltern soll es gut gehen, sie brauchen das Gefühl, dass sie ihr Kind gern haben, auch wenn es oft nervig, anstrengend und anstößig ist. Sie müssen zu ihrem Kind auch stehen können gegenüber allen, die Ablehnung und Unverständnis zeigen. Sie müssen ihre Eingriffe auf Situationen und Verhaltensweisen beschränken, die ihnen wirklich wichtig erscheinen. Wenn sie dann eingreifen, sollte das klar und eindeutig, nahe am Kind und mit direkter Hilfestellung zum Andersmachen verbunden sein. Der Tagesablauf sollte nach Möglichkeit klar strukturiert sein mit festen Zeiten und Ritualen z.B. beim Zubettgehen. Man sollte nicht denken: springen lassen, austoben lassen, mehr Freiheit. Ein klarer Regelrahmen und konzentriertes „BeieinerSacheBleiben machen das Kind ruhiger.

Rituale für Kinder

Können Sie Tipps und Anregungen, auch für den Umgang mit leicht hyperaktiven Kindern, geben?

Wenn ich zu Beginn der Gruppentherapiestunde „meine“ hyperaktiven Kinder befragt habe, was sie gern heute spielen möchten, haben sie immer wilde und bewegungsintensive Aktivitäten vorgeschlagen. Habe ich diesen Wünschen nachgegeben, sind sie nach ganz kurzer Zeit in Streit geraten, haben überdreht, waren unzufrieden und frustriert. Habe ich trotz anfänglichem Widerstand ruhige, stark regelgebundene und durchstrukturierte Aktivitäten durchgesetzt, wurden sie ruhiger, fühlten sich wohler und haben sich miteinander verstanden. Hyperaktive Kinder suchen sich nicht das aus, was ihnen gut tut, man muss sie hinführen, immer wieder.

Eltern hyperaktiver Kinder benötigen Unterstützung, was empfehlen Sie Ihnen?

  • Sie investieren viel und erreichen wenig, eine Niederlage reiht sich an die andere. Sie sind Hochleister und machen einen bewunderungswerten Job. Am besten Sie treffen sich mit anderen betroffenen Eltern und tauschen sich aus. Sie brauchen Ermutigung, um Standfestigkeit gegenüber anderen Eltern, Erziehern und Lehrern,die alle ihre Klagen führen, zu bewahren.
  • Hyperaktive Kinder gehören zu denen mit den überfüllten Spielzimmern, weil sie alles haben wollen, aber sich mit kaum etwas anhaltend beschäftigen können. Dabei profitieren sie von reizarmen Räumen mit eher schwachen Lichtquellen.
Kinderzimmer Deko: Ideen und Inspirationen
  • Psychomotorische und ergotherapeutische Übunsbehandlungen tun diesen Kindern ebenso gut wie sportliche Aktivitäten mit klar strukturiertem Ablauf. Alles hilft, was Denken, Fühlen und Motorik miteinander verbindet.
  • Die Schulung der Aufmerksamkeitsschwäche ist hilfreich: z.B. das systematische Betrachten von Bildern, von links nach rechts und von oben nach unten, systematisches Durchsuchen von Schubladen und Regalen usw.
  • Einsatz der Wortsignaltechnik: Bestimmte Begriffe als Etikette für häufig auftretendes Fehlverhalten entwickeln, z.B. „Das ist jetzt wieder das Hinwerfen und Liegenlassen“ als Stichworte für einen Fehler und als Aufforderung zum Bessermachen.
  • Sich oft erklären lassen, was das Kind gerade macht und was es vorhat. Wenn Sie das Kind fragen, wo es gerade hinläuft und es antwortet, dass es den Ball aus der Ecke holen will, ist die Chance größer, dass das Kind bei dem Ball auch ankommt, ohne sich vorher ablenken zu lassen. Ein in Sprache umgewandelter Impuls bindet das Kind viel stärker an diesen Impuls.
  • Fragen nach Planungen stellen, nach Vorhaben jetzt, später oder für den nächsten Tag. Wenn Sie mit dem Kind zum Arzt müssen und Angst vor einem unangenehmen Wartezimmerauftritt haben: legen Sie weniger Wert auf Androhung von Strafen und Versprechen von Belohnungen. Sprechen Sie kurz vorher mit dem Kind die Wartezimmersituation durch, wie es dort aussieht, was man dort machen kann, um die Zeit auszufüllen, und über das, was nicht passieren soll. Machen Sie mit dem Kind als Ideengeber einen Beschäftigungsplan. Es wird dann besser ablaufen als sonst wie bei jeder Vorstrukturierung heikler Situationen.

Vermeiden Sie dabei jegliche Moralisierung, Sie und Ihr Kind sind Partner! Werden wir als Partner wahrgenommen, können wir auch die zart empfindende Seele hyperaktiver Kinder und ihre vielfältige Persönlichkeit hinter diesem flatterhaften Vorhang der Hyperaktivität besser kennenlernen. Und das lohnt sich für alle Beteiligten!

Themenspezial "Schule"
The following two tabs change content below.

Rainer

Rainer ist unser Experte für psychologische Fragen. Er war vier Jahrzehnte lang Leiter einer Familienberatungsstelle. Jetzt im Ruhestand ist er am liebsten gemeinsam mit seiner Frau mit den 5 Kindern und 7 Enkelkindern zusammen, liest gern, wartet mit gärtnerischer Ungeduld auf den Frühling und zählt sich zu den eher berüchtigten Hobbyhandwerkern. Seiner Meinung nach wird das eigentliche Wohl von Kindern derzeit zu wenig gesehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

ARE YOU READY? GET IT NOW!
Vielen Dank, Sie erhalten den Katalog in Kürze.
Vielen Dank für Dein Interesse am E-Book!
Bitte bestätige Deine NL-Anmeldung* über den Link, den wir an Deine E-Mail-Adresse geschickt haben. Nach der Bestätigung erhältst Du den Link zum E-Book.
Mit der Anmeldung zum Newsletter gelten unsere Datenschutzbestimmungen.
Vielen Dank für Dein Interesse am Frühlingsgewinnspiel!
Bitte bestätige Deine NL-Anmeldung* über den Link, den wir an Deine E-Mail-Adresse geschickt haben. Nach der Bestätigung nimmst Du automatisch am Gewinnspiel teil.
Mit der Anmeldung zum Newsletter gelten unsere Datenschutzbestimmungen.
Huch, Du hast den myToys-Newsletter bereits abonniert. Dann musst Du nichts mehr tun und nimmst automatisch am Gewinnspiel teil.
Viel Glück!
Nur 3 Schritte zum kostenlosen E-Book
Trage Deine E-Mailadresse ein und klicke auf den Senden-Button.
Öffne die Bestätigungs-E-Mail und lade Dir das E-Book herunter.
Gehe in Dein E-Mail-Postfach und bestätige den Erhalt des myToys-Newsletters.
Viel Spaß beim Backen!