Helikopter-Eltern: Ein Interview mit Familientherapeut Jesper Juul

Bei einem Treffen mit einigen Freundinnen, von denen inzwischen auch einige Mütter sind, kam irgendwie das Thema Helikopter-Eltern auf. Während einige nur fragend die Augenbrauen hoben, gerieten andere wiederum direkt in Diskutierlaune. Aber zunächst zur Erklärung für die fragend schauenden Leserinnen: Unter Helikopter-Eltern versteht man Eltern, die ständig um ihre Kinder kreisen, sie überwachen und übermäßig behüten. Die Erziehung ist von Überbehütung und exzessiver Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes geprägt.Helikopter-Eltern

In unserer Runde entstanden recht schnell zwei Fronten. Während einige meiner Freundinnen einen stark behütenden Erziehungsstil pflegen, konnten andere dies nicht nachvollziehen. Sie empfanden das übermäßige Engagement vieler Eltern als unangemessen. Den Kindern fehle der Raum eigene Erfahrungen, auch negative, machen zu können und daran zu wachsen. Diskussionen, wie ich sie mit meinen Freundinnen geführt habe, finden bereits seit Monaten in allen Medien und sozialen Netzwerken statt. Das Interesse am Thema Helikopter-Eltern ist weiterhin ungebrochen. Ich wollte dieses Phänomen verstehen und habe dazu den bekannten dänischen Familientherapeuten Jesper Juul befragt.

1. Herr Juul, wie erklären Sie sich das Phänomen der Helikopter-Eltern?

Jesper Juul: “ Das Phänomen ist nicht neu. Es hat in den letzten Jahrzehnten aber durch die Entstehung von, wie ich es nenne, „Romantic Parenting“ [romantisch verklärte Elternschaft, Anm. d. R.] deutlich zugenommen. Eltern wollen, dass ihre Kinder glücklich sind. Allerdings gehen einige in ihrer Vorstellung zehn Schritte weiter. Sie wollen, dass ihre Kinder die ganze Zeit glücklich sind und in ständiger Harmonie leben. Snd sie dabei nicht erfolgreich sind, fühlen sie sich selbst schuldig. Teilweise resultiert dieses Verhalten daraus, dass Medien stets und ständig Fotos von “glücklichen Kindern und Müttern” zeigen. Als „Experte“ fühle ich diesen Druck immer wieder, wenn Journalisten mich um To-Do-Listen bitten, wie man jene Konflikte von Kindern fernhalten kann. Ich lehne so etwas grundsätzlich ab, weil es unmöglich ist, dies auf einer soliden und professionellen Basis zu tun. Ein weiterer Grund ist, dass nur sehr wenige Eltern mit diesen Tipps erfolgreich sein können und sich darum erneut schuldig fühlen würden, wenn sie sich dann wieder mit dem idealisierten Eltern-Bild aus den Medien vergleichen.“

2. Sehen sie Nachteile bei einer überbehüteten Erziehung?

Jesper Juul: „Ja, sogar mehrere. Kinder haben das Bedürfnis zu lernen, wie sie mit seelischen und körperlichen Schwierigkeiten und Schmerz , als auch materiellen und emotionalen Verlusten selbst zurecht kommen. Kinder wollen ihre sozialen Kompetenzen eigenständig entwickeln, in der Lage sein, eigene enge Freundschaften zu schließen, eigene Grenzen zu setzen. Diese und viele andere Grundbedürfnisse werden bei einer überbehüteten Erziehung vernachlässigt.

Es gibt zwei große Probleme für Kinder in dieser Form von Beziehung. Ein Problem ist, dass diese (wie alle Kinder) mit ihren Eltern agieren und dabei das Überbehüten als Liebe missverstehen. Was dabei passiert ist, dass diese Eltern ihr eigenes Bedürfnis, sich als Eltern wertvoll zu fühlen, mit dem Bedürfnis ihrer Kinder, sich physisch und emotional unabhängig zu entwickeln, verwechseln. Einige Eltern fühlen sich gut und erfolgreich, wenn ihr 16 oder 25 Jahre altes “Kind” komplett hilflos ist und ständig Antworten und Unterstützung bei den Eltern sucht. Die meisten Eltern sind hingegen genervt und hilflos.

Das andere Problem ist, dass überbehütete Kinder viele Schwierigkeiten haben, wenn sie alleine mit anderen Kinder sind – sie sind entweder passiv oder dominierend. Besonders in der Schule wollen sie die gleiche Aufmerksamkeit von ihren Lehrern, die sie von ihren Eltern bekommen. Infolgedessen wechseln viele öfter die Schule und ihre Eltern kritisieren die Lehrer, weil diese ihre einzigartigen und kostbaren Prinzen und Prinzessinnen nicht ausreichend wahrnehmen.“

3. Gab es Momente in denen Sie auch dazu neigten, zu stark behüten zu wollen?

Jesper Juul: „Ich denke, die Mehrheit der Eltern hat Momente, in denen sie bis zum Mond und zurück für ihre Kinder fliegen würden. Das ist auch in Ordnung, solange sie nicht glauben, dass dies wirklich möglich sei. Ein gutes Beispiel sind Geschenke. Eine wohlhabende Familie schenkt gerne teures Spielzeug und gibt viel Taschengeld – besonders wenn die Eltern selbst in armen Familien aufgewachsen sind. Es ist verlockend, aber nicht klug.“

4. Viele Eltern fragen sich sicherlich, wie sich ihr Erziehungsstil einordnen lässt. Gibt es ganz typische Reaktionen, die Helikopter-Eltern zeigen?

Jesper Juul: „Ja, sie sind hyperaktiv und hören niemals auf, über ihre Kinder zu reden.“

5. Wie kann man solche Eltern beruhigen? Ergeben sich durch das Loslassen deutliche Vorteile für die Kinder?

Jesper Juul: „Als Familienberater spüre ich, dass ich nur mit Eltern reden kann, wenn sie mich selbst um Rat bitten. Dies geschieht oftmals sehr spät im Erziehungsprozess. Dabei ist es aber nie zu spät. Es ist sehr schwierig, Eltern einen Rat zu geben, die sicher sind, dass sie das “Richtige” tun. Erst wenn ihre Kinder beginnen, emotionale oder soziale Probleme zu entwickeln, sind die Eltern (manchmal) für neue Perspektive offen.

Vielen Dank für das Interview, Herr Juul. Jesper Juuls Buch „Elterncoaching: Gelassen erziehen“ ist beim Beltz Verlag erschienen. Dieses und weitere Bücher von Jesper Juul findet Ihr natürlich bei uns im Shop. Wie findet Ihr dieses Phänomen? Könnt Ihr nachvollziehen, dass Eltern ihre Kinder vor allen Konflikten bewahren wollen?

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Anja

Anja ist Mutter von zwei reizenden Mädchen (4 und 8 Jahre). Besonders durch ihre Töchter kann sie die Welt wieder mit Kinderaugen sehen. Die große Phantasie, die Lust am Spiel und Bewegung jeder Art beeindrucken sie an Kindern besonders. So macht es ihr viel Freude, über Themen rund um das Familienleben zu schreiben.

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